Travestieshow


Travestieshow
Sanft, fast zärtlich  dringen  die  Töne  des  Klaviers durch  den Raum, fangen sich in der Plastikdekoration, um zu klebrigen Tropfen zu kondensieren. Ölig dringt die Musik in die Ohren der Zuschauer, die, völlig fasziniert, unverhohlen auf die Bühne glotzen. Speichel sammelt sich in trockenen Mündern, schnell   hinunter   gespült   von   scharfem   Whiskey, der alt und wertvoll ist. Bei manchen ist es auch Wein, der das genussvolle Dasein verkörpert, ein gediegenes Leben, demonstrativ   distinguiert   und   wichtig. Rubinrot   glänzt er in geschliffenen Pokalen, was seine Wertigkeit gekonnt unterstreicht.
Manch einer schielt beim Trinken durch sein Glas, blickt auf verbotene Stellen. Vierunddreißig Augenpaare folgen gespannt den Bewegungen der Tänzerin, die lasziv ihre Glieder zum Takt der Musik bewegt. An ihrem Kragen trägt sie Pfauenfedern, die sich auch in der Verzierung   des   Umhangs   wiederfinden.   Die   Männlichkeit   scheint   gut   versteckt, nichts erinnert daran. Provokant öffnet sie die Schleife an ihrem Hals, um nur Sekunden später im Korsett da zustehen. Wild funkelt das Licht der Scheinwerfer in den unzähligen Pailletten. Ihre Beine wirken wie   Schlangen,   metallisch   schimmernd.   Langsam,   mit   schwingendem Hinterteil, dreht sie sich im Takt der Musik um. Das Klavierspiel wird schneller, sie beugt sich vor. Kleine Federn stehen rund um ihren Steiß in die Höhe, so mancher Zuschauer verschluckt sich fast, so schwül und intensiv sind die Bewegungen. 
Sie richtet sich wieder auf, das die Töne verstärken sich. Die Tänzerin hebt die Arme, bis ihre Hände auf Schulterhöhe sind. Wellen schwappen durch ihre Schulter, zuerst sind es kleine, ruckartige Bewegungen, dann werden sie ausufernder, klatschender, bewegen den ganzen Körper. Der Spieler scheint sich einem Höhepunkt zu nähern, er spielt nun so schnell, dass seine Finger kaum noch zu sehen sind. Gekonnt beugt sich die Tänzerin nun nach hinten, verdreht grotesk ihre Glieder, bis sie mit den Handflächen den abgetretenen Holzboden der Bühne berühren kann. Sie sieht niemanden der gaffenden Gesellschaft, es gibt nur sie und  die  Musik.  Von  irgendwoher  ertönt  ein  Becken;  im   rechten   Moment wird es geschlagen und unterstreicht die skurril-erotische Haltung, die sie eingenommen hat. Ihre Brust ist in die Luft gereckt, nur noch die Brustwarzen sind bedeckt von kleinen Schalen, an denen sich schwarz glänzende Quasten befinden. Sie lässt sich fallen, nur um im nächsten Moment schon wieder aufrecht zu stehen. Ekstatisch kreist sie mit den Hüften, dreht sich nach links und nach rechts. Die Hände stemmt sie in die Seiten, schiebt ihr Becken nach vorne, bewegt sich, bis die Quasten sich drehen, rhythmisch an ihren Brustwarzen ziehen. Ihr Lächeln ist arrogant. Denn sie hat Macht, in diesem Moment, über alle. Niemand trinkt mehr einen Schluck. Alles ist vergessen, der Wein, der Whiskey, der Tischnachbar. Alle starren sie an, folgen mit den Augen den kreisenden Bewegungen. Wie hypnotisiert wirkt das Publikum, fast verzaubert.  Die Tänzerin  spreizt  die Beine, nur ganz leicht. Man sieht  es  kaum,  aber alle  spüren  es. Die  Luft  ist  gesättigt,  kann  kaum mehr Erotik aufnehmen, zum Schneiden dick. Ein Zittern geht durch ihren Körper, das Klavier schweigt still. 
Es ist vorbei. 
Die Zuschauer sind wie betäubt. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Manch einer spürt eine ungebührliche Reaktion auf diese Darbietung. Im Rausch der Musik war es noch in Ordnung, aber jetzt, in der Stille, wirken die fiebrigen Gesichter wie krank. 
Die Tänzerin kennt es und verachtet es. Nun sieht sie die Zuschauer an, geht zwei Schritte nach vorne und verbeugt sich, drückt dabei die Handflächen   auf   ihre   Brüste,   schützend.   Ihre   Schminke   ist   dick, Schweiß glänzt auf der Stirn. Der Tanz war anstrengend, wie immer. Nur   verhalten   klatschen   ein   oder   zwei   Besucher, aber   es   macht   ihr nichts aus. Sie weiß, dass sie wegen ihr kommen. Immer wieder. 
Ronny weiß es auch. Er grinst und ist mit drei langen Schritten auf der Bühne. „Gloria, unser Travestiestar!“, grölt er, dabei reißt er ihre Hand in   die   Höhe.   Die   exklusive   Gesellschaft   erwacht   aus   ihrer   Trance, klatscht nun wie im Rausch, manche pfeifen. Direkt vor Gloria sitzt ein Mann,   seine   Augen   glitzern.   Er   ist   der   Typ Whiskey-Trinker. Seine Hand hält ein Glas, die braun-goldene Flüssigkeit schwappt gefährlich hin und her. Seine Wut nicht zeigend, prostet er ihr zu, sein Lächeln ist eingefroren.   Die   linke   Hand   liegt   unschuldig   auf   seinem   Schritt,   die verräterische Beule verbergend. Das würde diese Tunte büßen.
*
„Eh, bist du sicher, dass das ein Mann war?“ Sascha springt von einem Bein auf das andere, ihm ist kalt. „Die hatte 'nen Busen. Hast du mal hingesehen?“ 
Es ist eisig draußen, doch Freddie ist nicht bereit, einfach zu gehen. Er spürt einen inneren Drang, so stark, dass es ihn berauscht. Fast noch erregter als vorher, bei der Tanzvorstellung, ist er nicht bereit, den Künstlereingang     zu     verlassen.
 „Mensch, Sascha, das war eine Travestieshow!“ Das  letzte  Wort  spricht  er langgezogen,  als ob er es mit einem Idioten zu tun hat. Der Begriff „Idiot“ kommt seinem Empfinden ziemlich nah, was hatte dieser Trottel sich dabei gedacht, ihn in
diese Vorstellung zu schleppen? Nur für ausgesuchte Kunden, hatte er gesagt. Exklusiver Kreis, intim. „Schon mal was von Operationen gehört?“ Freddie spuckt auf den Boden, es soll abfällig wirken. „Das ist so   ekelhaft!   Hast   du   einen   Penis gesehen? War da was ausgebeult? Nichts, oder? Der hat sich den Schwanz abschneiden lassen!“
Sascha lacht böse. „Also, Freddie, wo du hinschaust! Hast du dir das Höschen so genau angesehen?“ 
Freddie antwortet nicht. Er wird es dieser kranken Kreatur heimzahlen. Seine Faust hatte ihren Weg schon in ganz andere Gesichter gefunden.
*
Erschöpft lässt sich Gloria in der Garderobe auf ihren Stuhl sinken. Sie betrachtet ihr Spiegelbild, eingerahmt von vielen Fotos. Auftritte, Freunde,  Prominente sind  zu  sehen. Wichtige  Stationen  ihres  beruflichen Lebens. Heute hat sie wieder alle mitgerissen, das weiß sie. Sie hat es in den Augen der Zuschauer gelesen. Doch sie hatte auch den Mann in der ersten Reihe bemerkt. Sie kennt seinen Blick, auch wenn er ihr als Person gänzlich unbekannt ist.
Ronny kommt herein, forsch, die Tür knallt gegen die Wand. „Gloria,du warst großartig!“ Er küsst ihr auf den Nacken, doch sie schiebt ihn fort. Gänsehaut. Er lacht nur. „Weißt du eigentlich, was wir für einen Andrang haben? Ich könnte die Karten für das Doppelte verkaufen, obwohl sie jetzt schon sauteuer sind!“ Kichernd steckt er sich eine Zigarette an. Gierig inhaliert er den giftigen Rauch. Der kleine Raum ist sofort zugenebelt. 
Gloria greift nach einem Abschminktuch. Ihre Schminke ist grell und glitzert. In ihrer   Umkleidekabine   wirkt   ihr   Gesicht   starr,   ähnlich   wie das eines Clowns. Mit routinierten Bewegungen schminkt sie sich ab. Ja, das stimmt. Sie ist ein Travestiestar in der Szene. 
„Hör zu, Ronny ...“, beginnt sie, wie schon viele Male vorher. „Meine Kleine ...“
Rücksichtslos fällt Ronny ihr ins Wort. „Stop!“ Dann: „Anne.“ Vertraulich flüstert er ihren richtigen Namen. Er beugt sich vor und streicht ihr zärtlich über den Arm. Sein Atem riecht nach alten Kippen. „Wir haben das besprochen. Such dir einen Babysitter. Ist ja klar, dass die Nachbarin nicht die Lösung deiner Probleme ist. Weißt du was, ich erhöhe dir die Gage.“ Fröhlich pfeifend verlässt er den Raum. Er findet, es läuft alles ganz hervorragend.
Gloria hat sich nun wieder in Anne verwandelt. Ihre Haut ist frisch und makellos, die Haare ausgekämmt. Die Schminke war nur so dick, um den Anschein zu erwecken, sie habe etwas zu verbergen. Und das hat sie ja auch. Flink schlüpft sie aus dem Korsett, steigt aus den metallisch glänzenden Strumpfhosen. An der Tür hängt ihre Alltagskleidung, Jeans, Pullover und ihr Mantel. Nun ist die Verwandlung komplett. Aus dem Spiegel sieht ihr Anne entgegen, eine ausgebildete Burlesque-Tänzerin und Mutter einer kleinen Tochter. Von Beruf Travestie-Künstlerin und offiziell ein Mann.
Seufzend   nimmt   Anne   ihre   Handtasche.   Sicherlich   ist   ihre   Tochter noch wach, wie häufig in letzter Zeit.

Draußen   ist   es   kalt,   Anne   schlägt   den   Kragen   ihres   Mantels   hoch. Trotzdem friert sie, eine Gänsehaut bildet sich auf ihren Oberarmen. Es ist stockdunkel, wieder einmal ist die Glühbirne über dem Nebeneingang kaputt. Es riecht nach Schnee. Zwei Gestalten lösen sich aus dem Dunkel der Mauer. Anne ist zutiefst erschrocken, aber erstaunt ist sie nicht. Eine Hand packt sie grob am Oberarm, stößt sie gegen das Mauerwerk. Grobe Steine bohren sich in ihren Hinterkopf, Kopfschmerzen brechen aus. Ein Schmerzenslaut entfährt ihr. 
„Moment mal.“ Eine männliche Stimme, sie klingt erregt. Annes Ohren rauschen. Sie denkt an ihr kleines Mädchen. Hoffentlich vermisst sie  ihre  Mama  nicht   allzu   sehr.   Anne   will  schreien,  kann  nicht.  Eine Hand drückt auf ihren Mund. Plötzlich: Grelles Licht. Anne kneift erst schützend   die   Augen   zu,   ängstlich   hoffend,   blinzelt   dann.   Einer   der Männer starrt prüfend, ein Moment des Zögerns. Weiße Whiskeywölkchen,   in   die   frische   Luft   geatmet,   erscheinen   im   Lichtkegel   der   Taschenlampe. 
Urplötzlich steht Anne frei. Keine Hand greift nach ihr, sie torkelt.
„Das ist er nicht.“ Die Stimme klingt enttäuscht, Erregung flaut ab. „Das ist 'ne richtige Frau.“
Anne ist völlig   verängstigt. Sie greift nach hinten, hält sich an der Mauer fest, will den Halt nicht verlieren. Keine Schwäche zeigen. Ihre Finger sind taub vor Kälte.
„Mach, dass du wegkommst“, zischt der Mann. Er schubst sie. Seine Stimme ist leidenschaftlich, voller Wut. Anne reagiert sofort, rennt los. Sie weiß genau, auf wen die Männer warten. Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Es wird Zeit, damit aufzuhören. Endgültig. Die Männer verschmelzen mit der Dunkelheit, sie lauschen dem Klappern ihrer Absätze. Stumm warten sie auf Gloria.

 

 

 

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