Stilübungen aus der Schreibwerkstatt


Vorgang:

 

Susanne, 14 Jahre alt, ist ein Scheidungskind. Sie hat ihren Vater seit zehn Jahren nicht gesehen. Nun ist er verstorben, was ihr die Tante Monika per Telefon mitteilt. Susannes Mutter äußert sich abfällig. Auf der Beerdigung schütteln ihr die Leute die Hand und drücken ihr ihr Beileid aus, Susanne fühlt sich überfordert. Angesichts der langen Gesichter steigt ein schwer zu kontrollierendes Gekicher in ihr auf, doch sie schafft es (oder einmal auch nicht), dieses zu verbergen. Sie fragt sich, ob mit ihr etwas nicht stimmt. Wer lacht schon angesichts des Todes?

 

Nur ein Satz und schwülstig

 

Eingesponnen in ihren Kokon aus Trauer, ein Mantel förmlich, lag sie auf ihren Kissen, darüber grübelnd, was ihr Tante Monika, während diese theatralisch in den Hörer schluchzte, versuchte, ihr zu sagen, obwohl Susanne ihr vorab mitgeteilt hatte, dass sie überhaupt nicht daran interessiert war zu erfahren, was wohl ihrem Vater an seinem letzten Tag auf Erden zugestoßen sein mochte und seinem Leben endgültig ein Ende setzte, ohne sich vorher mit Susanne ausgesöhnt zu haben, die sich nun, wo das Unausprechliche geschehen war, genötigt gesehen hatte, der Beerdigung beizuwohnen, obwohl ihre Mutter langen Gesichts die schlimme Botschaft empfing, vor der sie sich in Wirklichkeit immer gefürchtet hatte – ja, Susanne wusste es ganz genau – und Susanne nun glaubte, sie würde ihr inneres Gleichgewicht verlieren im Angesicht des Todes und der Trauer, weil ja, am Ende kam es, wie es kommen musste, was dazu führte, dass Susanne  ein verräterisches Glucksen in ihrer Kehle spürte, denn verdient hatte er ihre Trauer nicht, nicht nach zehn Jahren Verrat, nach zehn Jahren unfassbarer Gleichgültigkeit, die sie niemals für möglich gehalten hätte, wodurch das Lachen, das letztendlich Bahn brach, seine Daseinsberechtigung erhielt.

 

Gastronomisch und deftig

 

Susanne kaute gerade auf einer Möhre herum, als das Telefon klingelte.

„Geh du doch ran“, bat Mama mit roten Apfelwangen, beide Hände im Pizzateig.

„Hier bei Fleischer“, nuschelte Susanne in den Hörer, wobei Möhrenstücke in die Tomatensauce flogen, die auf dem Herd köchelte.

Es war Tante Monika. DIE Tante Monika, die auf Familienfeiern so viel essen konnte, dass regelmäßig der Krankenwagen gerufen wurde, da der Verdacht auf Magendurchbruch bestand. Doch ebenso regelmäßig ließ sie auf der Liege der Rettungssanitäter einen kräftigen Furz, woraufhin sie nach dem Nachtisch fragte, denn es sei wieder Platz in ihren Gedärmen. Genau diese Tante teilte Susanne kurzerhand mit, dass ihr Vater bei dem Versuch, ein Spaghetti-Essen zu gewinnen, verstorben war. Nein, nicht an geplatztem Magen, sondern hinterher, als er sein Preisgeld versoff, die Nudeln dagegen seien schmackhaft und gut verdaulich gewesen. Ob Susanne zur Beerdigung kommen wolle? Es gäbe auch Kaffee und Kuchen.

Susannes Mutter vernahm die Botschaft äußerlich gelassen, den Brotteig von ihren Fingern schleckend. „Der alte Fresssack“, war ihre einzige Bemerkung, sehr passend im Hinblick auf seine Ähnlichkeit zu seiner Schwester Monika.

Das Handgeschüttele am Grab überstand Susanne mithilfe einer Dose Salmiakpastillen; sicherlich war ihre Zunge schon ganz schwarz, ebenso wie ihre Zähne. Tante Monika schob sich durch die an Schwarzwurzeln erinnernden Menschen zu ihr vor und schüttelte ihr die milchweiße Hand in tiefstem Beileid, was ein Witz war, denn Susanne hatte ihren Vater zehn Jahre nicht gesehen. Monika lächelte mit schwarzen Zähnen, zwischen denen Reste von Lakritze klebten, passend zum Trauertag. Susanne erkannte sofort ihre eigene Ähnlichkeit zu der Tante und in tiefstem Entsetzen schob sich ein Lachen ihre Kehle hoch, welches sie im letzten Moment mit Hilfe einer Lakritz-Pastille unterdrückte.

 

Angelehnt an den Stil von Bodo Kirchhoff (Deutscher Buchpreis 2016)

 

Sie ist da, die Liebe, und dann doch nicht. Wer weiß schon, ob sie, die Tochter, des Nachts in die Kissen weint oder fröhlich in den Tag hineinlacht? Ist ihr Leben wie ein Gedicht, das schwere Zeiten überdauert, aufgeschrieben auf grauem Papier, lebendig in einer Schublade? Bereit, an einem umbrisch-angehauchten letzten Akt einer endlos lang erscheinenden Oper ans Licht zu treten und zu rufen: Kind, ich brauchte dich nicht! Geradezu hysterisch die Mutter, deren Atem zu grauem Nebel gefriert, gefangen im Geäst, wo niemals ein Lichtstrahl eindringt. Susanne bietet ihrer Mutter den Arm, doch den will sie nicht. Unter den Ölbäumen, belästigt von der Hysterie der Zikaden direkt nach dem Akt des Verabschiedens, will Susanne die Krallen der Heuchler nicht berühren. Lachen bohrt sich einen Weg nach oben, findet jähes Ende. Bin ich verrückt?, fragt sich Susanne, den Blick zwischen den Gezeiten.

 

Kitschig

 

Susanne spürte die Tränen in sich aufsteigen. Nur verschwommen fiel ihr Blick auf die Trauergemeinde; verstand denn niemand ihre Not? Zehn lange Jahre schon hoffte sie auf ein Lebenszeichen ihres Vaters. Ein einzelner Anruf war es gewesen, auf den sie schier Ewigkeiten gewartet hatte, nur, dass ihre Tante Monika am anderen Ende der Leitung gewesen war, nicht der schmerzlich vermisste Vater.

Mutter verstand Susanne nicht. „Das war’s“, war ihre einzige Reaktion gewesen, doch dann hatte sie sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel gewischt, Susanne hatte es genau gesehen. Doch den Gang zum Friedhof beschritt sie alleine; sie hatte es nicht anders erwartet. Wildfremde Trauergäste schüttelten ihr die Hand, während Susannes Blick sehnsüchtig am schwarzen Holz des Sarges hängengeblieben war, tief im Schlund der Erde.

„Ach, Vater“, war ihr Seufzen. Sie spürte Vaters Anwesenheit wie einen zärtlichen Hauch auf der blassen Stirn. War sie ihm nun näher als vor seinem Tod? Der Beginn von Heiterkeit dehnte sich in ihrem Magen aus, presste sich nach oben und fand ihr Ende in einer einzelnen Träne, die auf den Friedhofsboden tropfte.

 

Angelehnt an den Stil von Sebastian Fitzek (zurzeit vermutlich Deutschlands erfolgreichster Krimischreiber)

 

„Ich kann dein Leben bereichern. Oder ich beende es.“

Unter seiner Maske atmete er schwer, erregt. Völlig geistesgestört. Susanne blickte auf, starrte angeekelt auf das blutige Skalpell in der Hand des Mannes.

Nur Schrott in der Glotze.

Susanne stocherte frustriert auf dem Teller rum. Spaghetti à la Pampe, Danke, Mama. Mit schmierigen Fingern drückte sie auf der Fernbedienung herum; das Programm änderte sich. Auf der Mattscheibe ein Shopping-Kanal. Eine Frau, grell geschminkt und Deckweiß-Zähne unter wundroten Lippen. Sie pries eine Küchenmaschine an, die magischerweise kochen konnte, das wäre die Rettung für diesen traurigen Haushalt. Angeekelt schob Susanne die kalten Spaghetti zur Seite, um ins labbrige Rührei zu pieksen, als das Telefon klingelte.

Susanne stellte ihren Teller auf ein paar eingestaubten Zeitschriften ab und nahm das Gespräch an.

„Wer war es?“, rief Mama nach ein paar Minuten aus der senfgelben Küche, die Möbel waren so alt wie die Kleidung, die sie trug.

Die Trauer hielt sich in Grenzen.

Später, am Grab ihres Vaters, kamen die Verwandten. Genau zwölf Stück, schwarz gekleidet. Nur Onkel Fritz hatte knallrote Schuhe an, sie lugten deutlich unter seiner speckigen Anzughose hervor. Früher, hatte Mama gesagt, war er mal attraktiv gewesen. Früher, als Mama sich noch aussuchen konnte, mit wem sie durch das Leben gehen wollte. Leider hatte sie Papa gewählt.

„Mein Beileid“, schnarrte der Onkel. Susanne starrte auf seine roten Schuhe, an denen Hundescheiße klebte. Es stank.

Ekelhaft, verwahrlost. Verdreckt.

Susanne verspürte den Drang, zu lachen. Sie senkte den Blick.

Ich glaube, ich werde verrückt!

Dann kam die Angst.

 

Freies Gedicht und alberne Wörterbildung

 

Ahnungsfreie, vernormalisierte Lebensfreude

Verborgenseitig, offenlustig

dann

ein Füßewegschlag.

Hilfe, Mutter, nein.

Allein.

Schlangengrau und endlosblabla, verpflichtzwungen.

Freundlichneindoch

Tote Haut, kalte Haut.

Verlachloren unter schwarzgrauem Filz. 

 

 

 

 Ich bin Mitglied der Brückenschreiber Koblenz

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