"Hast du meine Brille gesehen?"

Karl presste die Augen zusammen und sah sich um. Ohne Sehhilfe war er so blind wie ein Maulwurf.

„Woher soll ich denn wissen, wo die ist?“ Isabell saß auf der Couch und blickte nicht von ihrem Rätselheft auf. Karl spürte einen heißen Klumpen im Magen, ein unangenehmes Gefühl.

„Sie muss doch irgendwo sein?“ Er tastete den Wohnzimmertisch ab, auf dem sich eine braunrote Tischdecke kräuselte.

„Pass doch auf!“, durchschnitt Isabells laute Warnung die Luft. „Da habe ich Stunden für gebraucht!“ Auf dem Tisch tummelten sich allerlei Kastanien, falsche Zierkürbisse und kleine Tonigel aus dem Billigmarkt. Sie waren in einer strengen Ordnung arrangiert worden, die sich nur Isabell erschloss.

„Ich brauche meine Brille!“ Seine Frau war aber auch manchmal dämlich. Kapierte sie nicht, dass er keine Zeit hatte? Er hatte einen Termin, eine Darmspiegelung. Unangenehm genug.

„Du gehst mir auf die Nerven!“ Hektisch schob Isabell die Dekoration in die richtige Ordnung. „Außerdem, woher soll ich das wissen? Immer verlegst du alles!“ Ihr Tonfall wurde lauernd. „Und ich wette, du hast keine Ahnung, wo deine Krankenkassenkarte ist!“

Tatsächlich. Karl kratzte sich ratlos am Kopf. Er hatte keine Ahnung.

„In der Schublade im Flur“, sagte er scharf, um sich keine Blöße zu geben.

Isabell schien mit dem reparierten Arrangement zufrieden zu sein und griff wieder nach ihrer Zeitung. Die und ihre dämlichen Rätsel.

Karl lief nun suchend durch die ganze Wohnung. Wenn er nur besser sehen könnte! Alles war verschwommen.

„So ein Mist!“, rief er aus dem Flur. „Wo hast du die Karte hingelegt?“

Wieder raschelte die Zeitung, sie war empört aufgesprungen.

„Was habe ich mit deinen blöden Sachen zu schaffen? Meinst du, ich hätte nichts Besseres zu tun, als deine dämliche Brille zu verstecken und deine Krankenkassenkarte wegzuwerfen?“

Karl war ins Wohnzimmer zurückgekehrt, sein Mund ein Strich.

„Keine Ahnung! Weiß ich, was du so machst?“ Er war lauter geworden.

„Ganz sicher trage ich dir nicht deine Sachen hinterher. Es reicht ja, dass ich deine stinkenden Unterhosen waschen muss. Du schaffst es ja noch nicht einmal, einen Teller unter dein Brot zu schieben, wenn du dir was zu essen machst!“ Isabells Stimme stach in seinen Ohren. Sie standen sich nun genau gegenüber. Karl spürte die Spucke auf der Wange, die ihr aus dem Mund flog.

„Als ob du deinen fetten Arsch von der Couch kriegst!“ Der Klumpen in seinem Magen glühte wie die Sonne. „Und wenn, dann doch höchstens, um in deinen Billigladen zu schlappen und mein sauer verdientes Geld für irgendeinen Scheiß auszugeben!“

Die Ohrfeige saß. Die Brille, die er sich auf die Stirn geschoben hatte, landete weich auf der Couch. Glück gehabt. Blieb nur noch die Versichertenkarte.

                   

© Andrea Fürstenberg

Info:

Diese Geschichte entstand für die Schreibwerkstatt Neuwied. Thema war der Dialog, möglichst mit Elementen des inneren Monologs.

 

 

 

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