Früher mal ein Held

Trink doch nicht so viel, sagt Angelas Gesicht, während sie ihre Fürsorge in kleinen Pralinen versteckt, übergossen mit feinster Schokolade, gekrönt von einer halben Walnuss. Ist ihr das wirklich wichtig, fragt er sich, während er unschlüssig im kalten Wohnzimmer steht. Sein Blick streift die gewaltigen Oberschenkel seiner Frau, die die Couch niederdrücken. Mindestens zweihundertdreißig Kilo purer Frust, ungesund, der Arzt hatte es ihr gesagt, doch sie fragte nach seiner Gattin, das Gesicht ganz glatt: Geht es ihr gut? Und was macht die Tochter? Oh, wie nett, sie studiert auch Medizin! Unsere Tochter ist in London, studiert ebenfalls, vielleicht wollen die beiden Kinder sich mal kennenlernen? Thorsten saß dabei, zuckte zusammen, als hätte ein Zahnarzt seinen Nerv getroffen. Rasch war diese Konsultation beendet gewesen. Später ein seltener Besuch im Dorfkrug: Das Verdrücken gewaltiger Massen in Form von Schweinebauch mit Knödeln und Rotkohl. Begafft von der Wirtin und von den Gästen. Guckt Euch die an, ist die fett, mein Gott, wie kann man es nur so weit kommen lassen? Ihr Mann, warum tut der nichts? Vielleicht ist das so einer, der die noch extra füttert, hat er ihr nicht eben die Sauce angereicht? Augen quollen aus Höhlen, fielen auf den Boden und rollten ihm vor die Füße. Häme war greifbar und tropfte ungefiltert direkt von den schmierigen Lampen auf Thorstens Teller. Er schob ihn von sich, denn in seinem Magen bohrten und hackten die Schnäbel dutzender Vögel. Er bestellte noch ein Bier, sein viertes oder fünftes. Angelas Augen sprachen von Enttäuschung, Sorge und Missfallen. Thorsten hatte ihrem Blick standgehalten: Kümmere dich um deine eigenen Probleme. Er ließ es zu, dass sie nach seinem verschmähten Essen griff, verschloss die Augen vor ihrem gierigen Blick, trotzte aber dem der Wirtin, die sich schnell in Geschäftigkeit flüchtete, während die Gäste an der Theke verstohlen ihre Gehässigkeiten herunterspülten, die eigenen Probleme für ein paar gnädige Minuten zusammengeschrumpft auf ein Mindestmaß. 

Der Heimweg war kurz, Angela keuchend still. Thorsten registrierte den schwerfälligen Gang und den lauten Atem seiner Frau. Die Treppen hoch; seine Bierflasche war bereits zur Hälfte leer getrunken, bevor sie den ersten Stock erreichte, schnaufend, das Herz arbeitete wie ein Vorschlaghammer. Sie hob im Vorbeigehen die Augen zum Bild mit schwarzem Trauerflor, darauf der schönste Mensch, ein Mädchen. Thorsten kommt immer nur bis zur Oberlippe, höher schaut er niemals. Er kennt den Ausdruck in den Augen, voller Bewunderung, Vater, du machst das heil, du kannst alles. Dieser Mund, der so süß lächelt, wie Schokolade, süß wie die Pralinen, die Angela aus dem Schrank genommen hat, kleine, tröstende Kalorienbomben auf zerstörerischer Mission. Thorsten hatte Angela nachgesehen, wie sie ins Wohnzimmer schlingerte, er war ihr gefolgt.

Nun steht er hier, feige, nimmt das speckige Sofa wahr, den Staub, vermischt mit Haaren, die sich auf dem Boden krümmen. Zwei Rollen sind aus der Schiene gerutscht und lassen den Gardinenschal schief zu Boden hängen, ein Ausruf von Vernachlässigung, stellvertretend für alles Tote hier im Haus. Thorsten wird unruhig, was macht er hier? Der Alkohol verfehlt heute seine Wirkung. Keine Gnade, die Flügel flattern unentwegt, die Schnäbel hacken und zerstören. Gibt es Hoffnung, will Thorsten fragen, trotz allem? Angelas Fingernägel sind abgebrochen, ungepflegt, genau wie seine. Finger knistern in der Packung, befingern den schokoladigen Happen. Schon ist der Mund geöffnet, Spuckefäden zittern. Thorsten ekelt sich, vor sich selbst, er war aufgewachsen in dem Glauben, stark zu sein, goldene Zukunft, abgestürzt aus einem nicht gewürdigtem Paradies. Er war nicht vorbereitet, nicht darauf. Lass uns reden, will er sagen, er ist stark, das hatte sein Mädchen gesagt. Sein Mund öffnet sich, die Stimmbänder schwingen in freudiger Erwartung, krächzen, fragender Blick seiner Frau.

„Ich gehe schlafen“, purzeln die nutzlosen Worte auf den Fußboden, schlagen auf Angela ein, zerfließen in Nichtigkeit und flattern davon. Angela zieht den Kopf ein und nickt; ihre bebenden Wangen bekräftigen ihre Hilflosigkeit, enttäuscht und erleichtert. Sie bewegt die Lippen, brauner Saft tropft auf ihre Schenkel, ihre Worte stechen tödlich in Thorstens Ohren:

„Geh nur vor. Ich komme gleich.“ 

 

 

 

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