Freitagabend

   

Mama guckt auf ihr Handy. Mir ist kalt. Meine Jacke ist offen. Der Reißverschluss ist kaputt. Meine Kindergärtnerin hat gesagt, ich wäre eine arme Wurst. Ich weiß nicht, was sie damit meint, aber ich hab es Mama gesagt. Sie hat ganz komisch geguckt und dann wieder auf ihr Handy gestarrt. Meine Kindergärtnerin streichelt mir manchmal über den Kopf. Dann holt sie ihr Handy raus und starrt auch drauf.

Heute bekomme ich Cola, hat Mama gesagt. Ich freue mich. Vielleicht bekomme ich ja auch Fritten. Die schmecken so lecker! Sie wärmen mich von innen. Wie Chips, nur besser. Wenn die Fritten aufgegessen sind, drücke ich den Finger in das fettige Salz und lecke es von meiner Haut. Cola mag ich auch. Die kitzelt immer so im Hals. Papa hatte heute keine Zeit für mich. Mama hat gesagt, das sei egal. Sie meinte, sie würde sicherlich nicht ihre Pläne ändern, nur, weil der Vollidiot seine Termine nicht planen kann. Ich mag das nicht, wenn sie Vollidiot sagt, aber ich finde auch, dass er einer ist. Glaube ich. Meistens ist er aber lieb zu mir.

Wir gehen in die Kneipe. Hier stinkt es. Angeekelt halte ich mir die Nase zu, lasse aber schnell wieder los, denn Mama schubst mich und ich strecke die Arme aus, um nicht hinzufallen. Ich soll nicht einfach im Gang stehen bleiben. An der Theke stehen zwei Männer, sie starren uns an. Der eine trinkt an seinem Bier, ich kann sehen, dass er nur noch drei Finger hat. Sein Bart ist ganz lang und als er das Bier absetzt, hat er Schaum am Mund. Verlegen schaue ich weg.

Mama geht an die Theke und stellt sich neben den anderen. Er ist jünger als Mama und bestellt sofort ein Bier für sie. Ich schiebe mich neben ihren Hocker und will ihre Hand nehmen, aber sie zieht sie weg. Meine Cola hat sie vergessen.

Ich stehe herum. Sie erzählen sich Witze und lachen.

„Na, wann kommst du denn in die Schule?“, fragt der Mann mit dem Bart. Er hat sich vorgebeugt, sein Atem riecht sauer. In meinem Magen breitet sich ein flaues Gefühl aus. Mir wird ganz schlecht. Ich ziehe an Mamas Pulli.

„Du nervst“, sagt sie und schüttelt mich ab. Ich will nach Hause. Hier ist es dunkel. Da ist ein Stuhl, ich setze mich. Warte. Ich muss Pipi. Mama wird immer lustiger. Sie flüstert dem Mann was ins Ohr. Er hat glasige Augen. Die ganze Zeit starrt mich der Mann mit dem Bart an. Dann nimmt er wieder einen Schluck, dann starrt er wieder. Ich stehe auf, gehe zu Mama.

„Ich will nach Hause“, sage ich. „Ich muss mal.“

Mama zeigt auf eine Tür.

„Da ist das Klo. Wir gehen dann auch gleich“, versichert sie mir.

Ich gehe durch die Tür. Hier ist alles eng. Weiße Kacheln, scharfer Gestank. Die Toilette lässt sich nicht abschließen. Ich habe Angst, fester an dem Knauf zu drehen, nachher komme ich nicht mehr raus. Also gehe ich nicht pinkeln. Ich wasche mir die Hände. Kein Papier, ich wische die Hände an meiner Hose ab. Drücke gegen die schwere Tür, trete in die Gaststube.

Mama ist weg. Der junge Mann auch. Ich schaue zum Ausgang. Weg. Mein Herz klopft, in meinem Magen sitzt eine Faust. Der Mann mit dem Bart starrt mich an.

„Willst du eine Cola?“, fragt er mich.     

 

 

 

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