Der Penner

Frau Bräuner fühlte sich gestört.

Es war ein gewöhnlicher Dienstag. Leichter Nebel lag in der Luft, ein Vorbote auf strahlenden Sonnenschein. Frau Bräuner brauchte ihn nicht, nur bei Regen verzichtete sie auf das nachfolgend beschriebene kurzweilige Vergnügen. Nachdem sie die Wohnung von oben bis unten mit Sagrotan behandelt hatte, öffnete sie das Fenster – sie wohnte im ersten Stock, direkt dem Park gegenüber – und legte ihr Kissen auf den Fensterrahmen. Dann stemmte sie die Arme auf das gepolsterte Fensterbrett, verlagerte ihr Gewicht, sodass es ihr gemütlich wurde, ging in Startposition und – erstarrte.

Genau unter ihrem Fenster, mitten auf dem Bürgersteig, saß ein Penner, angelehnt an ihr Haus. Er trug eine Mütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte.

Erschrocken fuhr Frau Bräuner zurück und riss das Polster von der Bank. Ihr inneres Gleichgewicht war derartig erschüttert, dass sie sofort die Toilette mit einem scharfen Reiniger einnebelte, obwohl sie doch schon darübergewischt hatte.

Etwa eine halbe Stunde später, es mochte zehn Uhr sein, wagte sie einen neuen Versuch. So leise wie möglich zog sie den Fenstergriff nach unten. Langsam, ganz langsam streckte sie den Kopf heraus. Es war ein fast körperlicher Schmerz, der sie durchzuckte, als sie sah, dass der Kerl noch immer dort saß, nun ein bisschen weiter links. Frau Bräuner konnte ihn riechen. Sicher hatte er seit Monaten nicht mehr geduscht.

Was wollte der hier? Was sollten die Leute denken? Sicher war schon Frau Seifert vorbeigekommen und hatte sich gewundert, was für eine schräge Gestalt vor dem Haus von Frau Bräuner saß. Denn Frau Seifert kam jeden Morgen hier vorbei, um sich einen Express und ein Brötchen zu kaufen, und immer, wenn Frau Bräuner auf ihre Fensterbank gestützt die Straße beobachtete, hielten sie ein Schwätzchen.

„Guten Morgen, Frau Bräuner! Schönes Wetter heute!“

„Aber ja, Frau Seifert, guten Morgen! Was macht das Bein?“

Frau Bräuner kannte alle, die hier in der Straße wohnten, wusste von jeder Krankheit und von jedem Streit. Und nun das.

Eine Viertelstunde später saß er noch immer dort. Frau Bräuner spürte eine Wut in sich aufsteigen. So ein unverschämter Heini, warum saß der nicht im Park, so wie andere Obdachlose auch?

Erst mal ein Brot. Frau Bräuner schmierte sich eine Stulle, stellte sich kauend ans Fenster und versuchte, etwas zu erkennen. Vergeblich, sie sah nur die Füße, die in schweren Schuhen steckten. Sah sie dort nicht den Rand einer Gitarre? Nicht, dass dieser Asoziale sie auch noch mit seiner Jammermusik belästigte!

Möglichst lautlos öffnete Frau Bräuner das Fenster, riss kleine Brotstücke ab und warf sie auf den am Boden sitzenden Mann. Mit Herzklopfen wich sie zurück, schloss das Fenster so leise wie möglich.

Keine Reaktion. Die Beine ragten wie zuvor in den Gehweg. Frau Bräuner lugte durch die Scheibe, sah, wie Herr Konrad die Straße entlangkam, den Füßen auswich und achtlos weiterging, ohne einen Blick auf den am Boden sitzenden zu werfen. Frau Bräuner machte am Fenster so wilde Bewegungen, dass sie danach erst einmal den Boden reinigen musste, da der Rest ihrer Stulle den Boden verdreckt hatte, doch Herr Konrad hatte sie nicht bemerkt. Auf dem Polster klebte eine Salamischeibe und hinterließ einen dunklen Fleck. Wütend schrubbte Frau Bräuner daran herum, mit viel Wasser und Kernseife, was noch einen viel größeren, dunklen Fleck hinterließ.

Gegen elf Uhr war sie mit Schrubben fertig. Ein Blick aus dem Fenster bestätigte ihr, dass das Problem immer noch auf dem Boden saß. Offenbar musste sie härtere Maßnahmen ergreifen.

Frau Bräuner marschierte in die Küche, wobei sie bedauerte, dass sie bereits das Wischwasser weggekippt hatte. Sie nahm ein Glas aus dem Schrank, füllte es mit Wasser und kehrte zum Fenster zurück. Innerhalb von Sekunden hatte sie es geöffnet, das Wasser in die Richtung des Penners gekippt und das Fenster wieder zugeknallt.

Halb befriedigt und halb verängstigt, versuchte sie, etwas zu erkennen. Da, tatsächlich, die Beine wurden eingezogen. Frau Bräuner klopfte das Herz bis zum Hals, doch auf ihrem Gesicht breitete sich ein höhnisches Grinsen aus. Das hatte er davon, hier unbescholtene Bürger zu belästigen!

Nicht, dass er hier klingelte. Oh Gott. Sie würde die Klingel abstellen. Ach, die war ja schon abgestellt. Weil sie gestern Kopfschmerzen gehabt hatte. Genau wie das Telefon.

Es klopfte an ihr Fenster. Wenn man sich draußen stehend reckte, konnte man so gerade ihre Scheibe erreichen. Frau Bräuner bekam fast einen Herzinfarkt und versteckte sich hinter der Couch. Es klopfte wiederholt, doch nach einigen Minuten gab der Mann auf. Es dauerte sicherlich eine halbe Stunde, bis sich ihr Herzrasen gelegt hatte.

Frau Bräuner traute sich gegen Nachmittag, das Fenster zu öffnen, um nachzusehen: Die Luft war rein. Zufrieden holte sie ihr Kissen, legte es auf die Fensterbank, stützte ihre Arme ab und machte es sich gemütlich. Warm schien ihr die Sonne auf die Stirn. Von links ein Auto. Kannte sie nicht. Rechts steuerte Frau Piek mit ihren Kötern den Park an. Na, wie gut, dass die nicht hier vorbeimussten, Frau Bräuner hasste Hunde. Die pinkelten an die Hauswand oder machten noch Schlimmeres. Da! Frau Seifert auf dem Weg zum Supermarkt. Frau Bräuner konnte es gar nicht erwarten, mit ihr über den Obdachlosen zu quatschen.

„Na, Frau Seifert, geht’s wieder?“

„Ja, ja, Frau Bräuner, alles gut. Waren Sie heute Vormittag nicht daheim?“

„Nein, wie kommen Sie darauf, Frau Seifert?“

„Na, Ihr Sohn hat stundenlang auf Sie gewartet. Jetz isser wieder weg, Afghanistan, hat er mir erzählt. Er hat geklingelt, aber Sie waren nicht zu Hause. Da hat er sich auf seinen Seesack gesetzt und gewartet. Der Arme, er hatte nur ein paar Stunden und hätte Sie so gern gesehen.“

Glücklicherweise hatte sich Frau Bräuner auf ihr Kissen gestützt, sonst wäre sie getaumelt, wie nach einem Schlag. Schließlich fand sie ihre Stimme wieder.

„Ach ja, stimmt, Frau Seifert. Ich war unterwegs. Und, was macht Ihr Bein?“

 

 

 

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