Das tote Haus


Nervös strichen Michaels Finger über das zerknitterte Foto, das er in der Hosentasche bei sich trug. Ein unangenehmes Geräusch war ihm in die Ohren gedrungen, es klang wie ein gequälter, heiserer Schrei. Er sah sich um: Niemand sonst war auf der Straße. Hart schürfte Metall über den Betonboden, als er seinen fahrbaren Einkaufskorb abstellte, der bis oben hin mit Zeitungen angefüllt war. Es war ein graues Haus, die Fenster blickten blind auf die Straße. Zögernd zog Michael die oberste Zeitung vom Stapel und ging die Stufen hoch zur Eingangstür. Altes Laub lag auf den Stufen, rutschig und modrig. Michael konnte es riechen.

Meine Güte, du musst nur eine Zeitung einwerfen!, schalt sich Michael. Beeile dich, ein Gewitter kommt auf. Mit klopfendem Herzen hob er die schwere, silberne Klappe, die über dem Briefschlitz hing. Schon hatte er den Arm gehoben, um die Zeitung hindurchzuwerfen, als sein Blick auf den Berg von Papier fiel, der im Innern des Hauses den Boden bedeckte.

Michael runzelte die Stirn. Das waren Zeitungen von Monaten. Er ließ die Klappe fallen und richtete sich auf. Ratlos starrte er auf die Tür. Efeu hatte sich die Stufen hochgekämpft und seine Saugnäpfe in das alte Holz getrieben. Hätte Michael noch genauer hingesehen, dann hätte er erkannt, dass man diese Türe überhaupt nicht mehr öffnen konnte, ohne das Efeu zu verletzen.

Auf Michaels Stirn bildete sich ein kleiner Schweißfilm. Gerne wäre er einfach zum nächsten Haus gegangen, doch er hatte diesen Schrei gehört. Er war sich ganz sicher, dass er aus diesem Haus gekommen war. Unschlüssig zog er sein Foto aus der Tasche, auf der eine rote Vespa zu erkennen war: Der Grund, warum er sich überhaupt auf diese Zeitungsaustrage-Sache eingelassen hatte. Viel lieber würde er jetzt auf der Couch liegen und ein bisschen Playstation zocken.

Sein Blick wanderte zur Wiese links vom Haus. Eigentlich mehr ein Urwald. Vielleicht konnte er hier Gartenarbeiten verrichten? Das fand er besser als Zeitungen auszutragen. Er stellte sich eine nette, alte Oma vor, die alleine hier wohnte und Hilfe benötigte. Die sich freuen würde, wenn ihr ein junger Mann in Haus und Garten helfen würde. Vor seinem geistigen Auge sah er, wie der ein- oder andere Schein das Portemonnaie wechselte.

Kurzerhand drückte er auf die Klingel. Die Töne verstarben im Innern des Hauses, doch auch nach wiederholten Versuchen öffnete niemand.

„Hallo?“

Keine Antwort.

Michael ging die Stufen hinunter und stopfte die ungenutzte Zeitung unter die Lasche des Einkaufswagens. Links vom Haus war ein kleiner Weg aus Betonplatten, dem er nun folgte, begleitet von einer Windbö, die den Regen ankündigte. Selbst, wenn er keine Arbeit finden würde, vielleicht war jemand in Not und er konnte helfen? Und aus lauter Dankbarkeit würde er eine knallrote Vespa bekommen. Ja, das klang gut. Er stellte sich vor, wie ihm der Bürgermeister begeistert die Hand schütteln und ein Loblied auf die heutige Jugend singen würde. Sein Vater wäre mächtig stolz.

Hinter dem Haus befand sich eine kleine Terrasse. Ein altersschwacher Tisch, völlig verrostet, trotzte Wind und Wetter. An die Scheibe gepresst lag eine uralte Wachstuchtischdecke, von der Sonne gebleicht. In den Falten hatte sich Wasser gesammelt. Schon ewig musste diese Tischdecke dort liegen, denn das Wetter hatte sich tief darin eingegraben. Michael bekam feuchte Hände, er zog das Foto aus der Tasche und streichelte es, wie einen Talisman. Er schluckte und trat mit allem Mut, den er aufbringen konnte, an die Terrassentür heran, um hindurchzublicken. Obwohl er seinen Augen die Zeit gab, sich an das dunkle Innere zu gewöhnen, sah er nichts. Sein Klopfen klang hohl. Er lauschte.

Da! Gänsehaut lief ihm den Rücken hinunter, sein Puls beschleunigte sich. Da war er wieder, dieser knirschende Schrei, unheimlich, nicht von dieser Welt. Michael unterdrückte den Impuls zu fliehen. Er sah sich selbst, wie er erfolglos mit seinem Einkaufswagen voller Zeitungen von dannen zog, ohne Ruhm, ohne Ehre, Chance verpasst. Nein, wer würde nicht so schnell aufgeben.

Er setzte seinen Gang um das Einfamilienhaus herum fort. Da, tatsächlich, ein Kellereingang. Von der Straße aus nicht einsehbar. Hier türmte sich das Laub, einmal die Stufen hinuntergefegt, hatte es keine Möglichkeit, zu entkommen. Vorsichtig stieg Michael hinab, es raschelte, als er auf die Blätter trat, kleine, eklige Käfer suchten das Weite. Michael spürte, wie es ihm vor Angst die Luft nahm. Oder war es der modrige, feuchte Geruch, der ihn schwer atmen ließ? Hoffend, es sei verschlossen, drückte er die rostige Klinke der Kellertür hinunter. Ohne Gegenwehr schwang die alte Eisentür auf. Muffiger Geruch nach uralten, verfaulten Kartoffeln schlug ihm entgegen. Sein Puls raste inzwischen. Er wusste, er ging zu weit. Er sollte auf die Straße laufen und Hilfe holen. Da hörte er wieder dieses entsetzliche Kreischen, diesmal lauter. Die kleinen Härchen auf Armen und Nacken stellten sich auf. Kurz zögerte er. Unmöglich konnte er jetzt umkehren, was, wenn er gebraucht wurde? Was, wenn jemand sterben würde, nur, weil er den Schwanz eingekniffen hatte? Nein, Feigheit konnte man ihm nicht nachsagen.

Michael wischte angeekelt die Spinnweben zur Seite und erreichte eine weitere Tür. Er öffnete sie und folgte den Holzstufen ins Wohnhaus. Langsam schob sich sein Kopf aus der Dunkelheit. Von hier aus sah er durch die geöffnete Dielentür den Berg an Zeitungen. Zur anderen Seite konnte er ins Wohnzimmer schauen, dort knautschte sich von außen die alte Tischdecke ans Fenster. Voller Unbehagen erinnerte er sich daran, dass er dort gestanden, gerufen und geklopft hatte. Sah in seiner Vorstellung, wie er ins Dunkle gestiert hatte.

Es kostete Überwindung, in den Flur zu treten. Er tat es, weil der Rückweg durch den Keller unüberwindbar schien. Er musste nur zur Haustüre laufen, sie aufreißen und er wäre draußen. Nur ein paar Meter. Dieses Haus erdrückte ihn. Das Shirt klebte ihm schweißnass am Rücken.

Da hörte er es – ganz nah. Im oberen Stockwerk.

„Hallo?“ Das Wort war ihm nur zögerlich entschlüpft. Er holte tief Luft, das Herz schlug ihm hart gegen die Rippen. Seine Hand knetete die Vespa. Michael stellte sich noch einmal vor, wie ihm der Bürgermeister begeistert die Hand schüttelte.

Okay.

Er schiebt sich an der Wand entlang, erhascht einen kurzen Blick ins Wohnzimmer, bis er das Treppengeländer im Rücken hat. Stück für Stück überwindet er Stufe um Stufe. Es klingt dumpf, ungewohnt, lange hat das Haus keine Schritte mehr vernommen. Nach oben hin wird die Luft besser, irgendwo ist ein Fenster auf. Trotzdem, er atmet einen unangenehmen Geschmack. Es raschelt bei jedem Schritt. Michael registriert es, spürt es, aber es erreicht nicht sein Bewusstsein. Etwas anderes nimmt seine Aufmerksamkeit gefangen: Eine Tür. Sie quietscht laut, wenn der Wind seinen Weg in das Haus findet. Michael, tritt näher. Er lacht. Er kann es nicht fassen. Er hatte Angst vor einer quietschenden Tür! Erleichterung. Warm prickelt das Blut durch seine Adern. Ein Mensch in Not, sowas Blödes! Michael greift zur Klinke, zieht sie weiter auf. Noch immer lachend bemerkt er die vielen toten Insekten auf dem Teppich. Im Rausch der Erleichterung versteht er es nicht. Dann fällt sein Blick auf das Bett. Er schreit.

 

 

 

 Ich bin Mitglied der Brückenschreiber Koblenz

www.brueckenschreiber-koblenz.de

 



Folgt mir doch auf instagram:

arilina.schatz 


Tutorials:

Hasen

Bäume und Vögel

Mohnblumen

Augen zeichnen

Mund (Aquarell)

Fleckentiere

Kaltporzellan


Gesicht einer Tonfigur


Werkstattbericht