Das nahe Meer

 

Zum wiederholten Male zählte Britta die Deckenplatten: Dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig. Wieder von vorne. Ihr Vater hatte ihr das Zählen beigebracht, wie fast alles, was sie wusste. Eins, zwei, drei ... die Tür ging auf und Tagschwester Marion kam herein. Britta mochte sie nicht, denn diese nahm die vogelähnliche Gestalt, die eigentlich ein Kind war und unnatürlich verkrümmt auf dem Bett lag, nicht wirklich wahr. Nicht als Mensch, mehr so als – Aufgabe. 

"Na, wie geht's uns denn heute?", flötete Marion und befühlte Brittas Stirn, sah ihr in die Pupillen und überprüfte das Atmungsgerät, das neben dem Bett pumpte und zischte. Als ob Britta hätte antworten können. 

Summend ging Marion ihren Arbeiten nach, während Britta versuchte, die Schwester auszublenden. Eins, zwei, drei …

 

Früher einmal hatte es eine Zeit ohne Beatmungsmaschine gegeben. Ihr Vater hatte ihr so oft Gesellschaft geleistet, wie es seine Zeit zuließ.

"Papa", hatte Britta gefragt und den warmen Blick ihres Vaters gespürt, "werde ich jemals wieder gesund?"

Er antwortete ohne zu zögern. 

"Wenn du deinen Körper meinst, mein Schatz, nein. Der wird nicht mehr gesund. Aber ich kenne niemanden, dessen Seele gesünder ist als deine!" 

Britta lächelte, als er das sagte, das hörte sie gern. 

"Erzähle mir vom Meer", bat sie ihn dann und ihr Vater nahm ihre Hand und beugte sich vor. Seine Augen veränderten sich, während er sprach, sie sahen in die Ferne und sein Gesichtsausdruck wurde weich.

"Es ist so unendlich weit, nichts stört den Blick bis zum Horizont. Bei gutem Wetter schwappen kleine Wellen an den Strand und zeichnen wellenförmige Linien in den Sand. Wenn die Sonne untergeht, taucht sie ein in flüssiges Gold, welches in solch wunderbaren Farben leuchtet, dass es dir das Herz zerreißt. Möwen kreischen und gehen ihren Vogelgewohnheiten nach, sitzen majestätisch auf riesigen Felsbrocken und schauen diesem Schauspiel zu. Wird es stürmischer, dann sitzen die Vögel noch immer dort, wo sich die Wellen brechen. Oft pfeift ihnen der Wind um die Federn, doch das stört sie nicht. Dann steigen sie auf, fliegen tief über den Strand und suchen unachtsame Muscheln, die das Meer an Land gespült hat. Schäumende Wellen bringen Seetang und andere Schätze an Land, und manch ein Spaziergänger trotzt dem Wetter und marschiert, eingewickelt in dicke Pullover, an der wilden See entlang und wirft ein Stück rundgespültes Treibholz zum apportieren, um seinem Hund eine Freude zu machen. Das Meer gibt seinen Duft frei, es riecht nach Fisch und Algen, Wasser und Salz."

Aufgeregt lauschte Britta den Worten ihres Vaters. Sie sah es vor ihrem inneren Auge, wie das Wasser spritzte und den Möwen der Wind um den Schnabel pfiff.

"Papa!", rief sie, "was ist mit der Möwe, wenn der Sturm kommt? Hat sie denn gar keine Angst?"

Leise lachte ihr Vater. "Aber nein, mein Schatz", beruhigte er sie und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. "Ihr gefällt dieses Wetter, denn es macht sie lebendig. Der Wind zerzaust ihr die Federn, und wenn sie sich in die Luft schwingt, so weiß sie genau, wie sie sich in die Strömung legen muss, um Kraft zu sparen oder wie ein Pfeil durch die Luft zu sausen. Sogar auf der Stelle kann sie in der Luft stehen, wenn sie sich gegen den Wind lehnt!" Seine Augen funkelten mit Brittas um die Wette, die fühlen konnte, wie das Tier den Wind spürt.

Ein andermal, später, saß ihr Vater am Bett, gezeichnet von einer Krankheit, die Besitz von ihm ergriffen hatte und nicht mehr losließ. Seine Sorgenfalten waren tiefer geworden. Schon seit langem konnte Britta nicht mehr antworten, doch ihre Augen waren so lebendig wie immer und er wusste genau, dass sie ihn verstand, denn er kannte sein kleines Mädchen gut. 

"Es tut mir leid." Seine Stimme war schwer und erdig. Er sprach mit ihr, als ob sie ihm noch antworten konnte. "Es ist Krebs, weißt du?" Britta dachte an kleine Krebse, die zarte Spuren auf nassem Sand hinterließen und an leise Wellen, die diese Linien wieder verwischten. "Du willst wissen, was das ist?" Er erklärte ihr, was mit ihm geschah. Stumm lag sie da, als er fertig war, und lauschte dem Auf und Ab der Beatmungsmaschine.

 

"Es ist so ein schöner Tag heute!" Die Fröhlichkeit von Schwester Marion wirkte aufgesetzt, ein Plappern, um den leeren Raum zu füllen. Dann ging sie zum Fenster. Einen Moment lang beobachtete sie das Treiben auf der Straße. Britta stellte sich vor, wie sie aus Marions Augen auf die Welt blickte. Sie wusste genau, wie es draußen aussah, ihr Vater hatte es ihr oft genug erklärt. Von den Bäumen, die ihre Äste langsam in den Himmel streckten, den Straßen, vollgestopft mit Fahrzeugen, in denen Menschen saßen, die keine Zeit hatten. Britta wusste genau, wie heißer Asphalt roch oder kommender Schnee. Oder das Meer.

Schwester Marion öffnete das Fenster, stellte sich davor und atmete tief durch, die Augen geschlossen. Welch Verschwendung, dachte Britta, ich würde die Augen weit öffnen. Frische Luft strömte herein. Britta konnte Autos hören und das Kreischen der Vögel.

Wo blieb nur ihr Vater? 

In diesem Augenblick klopfte es und die Tür öffnete sich. Britta konnte nicht sehen, wer es war, denn sie konnte den Kopf nicht drehen. Schwester Marion vergaß, das Fenster zu schließen und ging zur Tür. Britta hörte sie flüstern, versuchte, sich auf die Stimmen zu konzentrieren, die im Straßenlärm unterzugehen drohten.

"Mein Gott, und jetzt?" Das war Marion.

"Der arme Mann. Jahre lang das hier", eine kleine Pause, "und dann so früh ...nach langer Krankheit..."

Britta wäre der Atem gestockt, wäre es möglich gewesen. Doch die Maschine pumpte unbeirrt weiter.

"Was passiert jetzt mit ihr?" Das war Marion. Ihre Stimmlage hatte wieder normale Zimmerlautstärke erreicht. Ein Flüstern antwortete ihr, offenbar ein rücksichtsvollerer Mensch.

"Ach was, die hört nichts", erwiderte Marion und lachte auf. Absätze klapperten und die Tür fiel ins Schloss. Britta war wieder allein. Eine Träne stahl sich aus ihrem Augenwinkel.

 

Mit schiefgelegtem Blick sah die Möwe auf Britta herunter. Eine Weile schon war Schwester Marion weg, als der große Vogel am offenen Fenster gelandet war. Grau und Weiß glänzte sein Gefieder. Die Möwe trippelte auf dem Fensterrahmen hin und her und ließ Britta nicht aus den Augen. Ihre Federn schimmerten in der Morgensonne, welche durch das Fenster fiel. Britta genoss den leichten Wind, der sich in ihr Zimmer gestohlen hatte. Ganz fest stellte sie sich vor, wie sie ihren nutzlosen Körper verließ und in den gesunden und federleichten Leib einzog.

 

Die Möwe hat eine zarte Seele, die bereitwillig zur Seite rückt und Britta Platz macht. Britta verspürt das erste Mal in ihrem Leben das Gefühl, einen Körper zu haben, der gesund ist. Luft strömt in die kleinen Lungen, die sie nun nutzen darf, ein berauschendes Gefühl. Die kleinen Füßchen krallen sich an dem Fensterrahmen fest. Trippelnd dreht sich der Vogel zur Straße herum. Britta löst ohne Bedauern ihren Blick von der reglosen Gestalt, die nun hinter ihr unter dem weißen Laken liegt. Stattdessen sieht sie die Sonne, Bäume, Häuser, spürt den Wind und riecht das Meer, welches ganz in der Nähe sein muss. Es wird ein schöner Tag, der Himmel ist tiefblau und es geht ein leichter Frühlingswind. Zögerlich breitet die Möwe ihre Flügel aus, als wolle sie testen, ob ein gemeinsamer Flug möglich ist. Britta lässt sich fallen, vertraut dem fremden Lebewesen und überlässt ihm die Lenkung des Körpers. Begleitet vom aggressiven Alarm der Beatmungsmaschine erhebt sich der Vogel zusammen mit Britta zu ihrem ersten gemeinsamen Flug in die Luft, während hinter ihnen die Tür aufgerissen wird und Menschen hektisch versuchen, Brittas Leben zu retten. Völlig eins sind Brittas Seele und die des Vogels, als sie über die Dächer der kleinen Stadt auf das Meer zufliegen.

 

 

 

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